PARAnoia Hike&Fly 20 September 2008

Ja, früher war's noch einfach...

In der grauen Vorzeit der Gleitschirmgeschichte bestanden unsere Flügel aus einigen wenigen Zellen , Gurtzeuge galten als bequem, wenn sie ein Holzbrett eingebaut hatten, und von Notschirmen hatte man auch schon mal gehört.

Klar, fliegen konnte man nur von steilen Bergen, und wenn es mehr als ein Gleitflug wurde, dann war das Thema zum Bier danach auch schon gefunden. Aber einen Vorteil hatte die damalige Zeugungsverminderungssturzflugausrüstung: Sie war leicht und beim Aufstieg kaum von einer gut gefüllten Wandertüte zu unterscheiden. Tatsächlich konnte man sich damit auch fern der Bähnliinfrastruktur in die Berge begeben, und nach einigen Stunden Aufstieg - den Begleitern fröhlich auf Wiedersehen winkend - in die Lüfte schwingen.

Der Fortschritt brachte unserem Sport in den letzten 15 Jahren unglaubliches: Heutige Anfängerschirme hängen stundenlang am Himmel, gewaltige Strecken werden zurückgelegt und dank ausgeklügelten Produkten geht das alles erst noch bequem und mit viel passiver Sicherheit.
Nur, mein Streckenfluggerödel – muntere 25kg – trage ich keinen einsamen Berg mehr hinauf. Zu schwer, zu dick: Ohne Bähnli geht nix!

... aber auch heute kann man wieder!

Glücklicherweise hat auch die Gleitschirmindustrie dieses Problem erkannt. Alle namhaften Hersteller führen heute 'Hike&Fly' fähige Schirme und Gurtzeuge in verschiedenen extremeren oder alltagstauglicheren Varianten. Vom Kleinflügel bis zum Normalschirm in Leichtbauweise, vom Wendegurtzeug das gleichzeitig als Packsack dient bis zum verdächtig nach Eierquetschergschtältli aussehenden aber trotzdem bequemen Ultraleichthänger mit extra kleinem Notschirm kann man sich eine Ausrüstung zusammenstellen, mit der das Aufwärtsgehen wieder Spass macht.

Ausrüstung richten...
Natürlich kann sich da auch ein Streckenfliegerclub wie unserer diesem Trend nicht ewig verschliessen, und so ruft unser Sportchef Adrian kurzerhand zum herbstlichen PARAnoia Hike&Fly auf.

Klar, kann er ja locker – schliesslich ist er stolzer Besitzer so einer 'ich-bin-leichter-als-10kg-Ausrüstung', die man auf seinem Rücken kaum von einem Citybag unterscheiden kann! Aber was machen wir anderen?

Zuerst mal: Die Waage bereit stellen.
Gleitschirm – 7kg. Nix zu machen, den braucht's.
Gurtzeug (Ausprägung: Sofa) – 6kg. Ein netter Kollege, der nicht mit kann, leiht mir sein Holdrio. 4.5kg gespart!
Notschirm – 4kg. Hmm, ich packe mal mein uraltes Teil in den alten Frontcontainer (die Motten haben das Ding bisher verschmäht :-). 2Kg gespart.
Helm, Kombi (Bise ist angesagt!), Packsack und sonstiges: Macht total 15kg.
Aber fast wichtiger, als das Gewicht: Das ganze packt sich jetzt viel schmaler und fühlt sich leichter an, weil ich damit aufrecht gehen kann. Ich bin gerüstet!

... und los!
Adrian sucht sich einen zur Wetterlage (starke Bise, Hochnebel im Mittelland) passenden Berg aus, und die fünf unternehmungslustige Wandervögel Iris, Christian, Adrian, Peter und Marcel treffen sich im Zug von Zürich nach Chur. Es soll von Langwies im Schanfigg auf's Mattjisch Horn (2461 müM) gehen. Von dort wollen wir Richtung Nord nach Jenaz im Prättigau fliegen.
Aber eben – zuerst wollen 1100 Höhenmeter überwunden werden. Wir sind anfangs noch ein wenig skeptisch und begutachen vor der Milchzentrale in Langwies unsere Packsäcke.  Naja, die Mädchengruppe nebenan hat doch deutlich kleineres Gepäck am Rücken...

Noch ein Gruppenfoto Marke 'vorher', dann geht's los. Das Wetter lässt noch ein wenig zu Wünschen übrig, die Sonne versteckt sich scheu hinter Hochnebelfetzen.
Nach der ersten Etappe bis hinauf zur Skihütte an der Waldgrenze haben wir die anderen Wandervögel alle abgehängt, und sind nach einer kleinen Stärkung und Auswinden der T-Shirts zuversichtlich, auch den Rest meistern zu können.
Ab jetzt geht's über gepflegte Alpwiesen sanft bergan, die Sonne gesellt sich zu uns, und wir geniessen die herbstliche Stimmung mit den sanften Grasgipfeln vor und den schroffen Alpenspitzen hinter uns in vollen Zügen. Vor dem Schlussanstieg auf's Mattiisch Horn bekommen wir dann auch die Bise zu spüren, die böig von Nord über den Grat zu uns runter pfeift. Hoffentlich ist es nicht zu stark zum starten!
Nach knapp dreineinhalb Stunden stehen wir endlich auf dem Gipfel! Dabei ist der eine oder andere ein bisschen verschwitzter (lies: klatschnass) als der oder die andere. (Kein Wunder, schleppte Peter doch ziemlich genau doppelt so viel Totalmasse hier hoch als Iris :-)

Für die Mühe entschädigt uns eine gemütliche Gipfelrast mit Sonne und Aussicht.
Nach Nord hat es einen passablen Startplatz: Zwar liegt Schnee, aber die Bise steht schön an und ist auch nicht zu stark, so dass wir gut starten können sollten.
Bald kramen wir deshalb unsere Leichtgurtzeuge hervor und machen uns mit den Minimaldingern vertraut. Noch ein Foto, dann werden die Schirme ausgelegt.
Ich starte als erster, und sofort trägt mich der kalte Wind ein wenig in die Höhe. Peter gesellt sich auch zu mir, und wir gleiten los ins flache Fideriser Heuberge Tal in Richtung Prättigau.

Gegen den Wind kommen wir nur langsam voran, und bei mir regen sich leise Zweifel, ob wir ohne Zwischenlandung aus dem Tal raus kommen werden. Ich versuche, jede Unebenheit am Untergrund soarend mitzunehmen, und passe meine Flugbahn dem Relief an. Mein Schatten gleitet über sanft geschwungene Hügel mit Wiesen und Wald, und endlich erreiche ich den Talausgang - ein bewaldeter Hang, der nach Fideris abfällt.

Hier stehe ich noch mehr im Wind. Ob die Bise zusätzlich den Talwind verstärkt?
Eigentlich wollten wir in Jenaz landen, weil die Zugsverbindungen nach Hause besser sind, als von Fideris aus. Deshalb soare ich dem Hang entlang weiter. Es lupft am Flügel, und tatsächlich kann ich eindrehen und - stark versetzend - Thermik ausdrehen. Auch Peter dreht einige Kreise, ist aber vom Aufstieg noch zu erschöpft und geht bald vor Jenaz landen.

Jetzt gleitet auch Christian aus dem Tal raus, und gesellt sich zu mir. Gemeinsam können wir recht ruhig in der Thermik kreisen, nur am Rand ist's turbulent und ruppig. Auch Christian verlässt mich - er landet westlich talauswärts vom Bahnhof. Ich beschliesse, fliegend auf die letzten zwei zu warten, und drehe immer wieder auf. Langsam gewöhne ich mich auch ans Gurtzeug (nächstes Mal: besser einstellen...).
Der nächste Fleck über dem Wald ist Iris, aber nur knapp über den Bäumen. Mit ihrem Testschirm am unteren Gewichtsbereich hatte sie den spannendsten Flug den Eichhörnchen entlang. Es reicht ihr aber gut bis nach Fideris.
Kurz darauf pfeift Adrian mit seinem Ibex-beinahe-Speedflyer über die Kange. Auch er landet lieber in Fideris, als sich tief dem Gelände entlang durch eventuelle Rotoren zu kämpfen.

Nach einer Stunde gemütlichem Herbstflug lande auch ich schliesslich bei Christian, und kurz darauf treffen wir uns alle wieder zur Heimfahrt beim Jenazer Bahnhof.
Im Zug lassen wir den tollen Tag nochmals Revue passieren. Die Anstrengung ist (fast!) vergessen und die Freude über die schöne Wanderung und den ungewöhnlichen Flug spiegelt sich auf allen Gesichtern.
Hike & Fly, wir kommen wieder!


Vielen Dank, Adrian! Du hast den richtigen Tag und Berg ausgesucht.

Mein persönlicher Dank an Marcel D. für das Holdrio!


PARAnoia

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