Erlebnisbericht einer völlig Unbeteiligten, Unwissenden nur Staunenden...

Wie die Tölpel im Kampf um einen geeigneten Brutplatz torkeln die Gleitschirmflieger, fast zusammenbrechend unter der Last ihres voluminösen Rucksackes, von der Gondelbahn hinunter an dem Kamm des Col Rodela auf der Suche nach einem passenden Startplatz. Wobei das Wort ‚Platz‘, welches Raum verspricht, sowieso das falsche Wort ist.

Es gibt hier vieles: Sonne, Restaurantterrasse,

steile, glitschige Grashänge, sehr viel Wind, aber sicher keinen freien Raum. So taumeln und torkeln sie über- und durcheinander, alle mit der gleichen Mine. Sie scheinen alle etwas zu wissen, was allen übrigen verborgen bleibt. Jeder macht den Eindruck, dass er nur wisse, wo der richtige Ort, wann der richtige Zeitpunkt für was auch immer sei. Auf alle Fälle warten sie, scheinbar auf eine innere Uhr achtend, die ihnen mitteilen wird, wann es soweit sein wird. Bewegt sich dann endlich einer und fängt an, sein riesiges Tuch zwischen all den vielen Beinen, Rucksäcken, Steinen und den am Rande des Startplatzes sich gebildeten Urinpfützen, auszulegen und eine Ordnung in die vielen Schnüre zu bringen, stehen alle anderen nur stoisch daneben. Äugen nur aus den Augenwinkeln knapp zum Tätigen, dann wieder den Kopf zum Himmel, den Blick zum Horizont. Ich habe keine Ahnung, was sie sehen. Scheinbar demonstrativ nicht wahrnehmend, was der andere tut. Man(n) besetzt seinen Platz, die ergatterten 50 cm2 gibt man nicht mehr her. Der erste versucht nun seinen Schirm in die Luft zu bringen. Irgendwie sieht das anders aus, als wenn Leo das macht. Dieser panische Ausdruck in den Augen ist sogar durch die Brille zu sehen und dann die rumbaähnlichen Tanzeinlagen vor dem Start sind mir fremd und neu. Der Schirm öffnet sich tosend, die eine Seite des Flügels klappt dann so komisch nach innen und der Schirm wehrt sich gegen die Führung seines Herrn. Wild wirbelt er um ihn herum wie ein bockendes Pferd in der Manege. Knirschend kracht er links vom Piloten zu Boden um sich gleich wieder stürmisch in die Luft zu heben und ihn schliesslich 20 - 30 m den Hang hinunterzureissen.

Die Männer rundherum, immer noch stoisch, tun so, als müsste das so sein. Alles hat seine Ordnung so. Nur ich stehe entsetzt daneben und sorge mich um die Gesundheit des erfolglosen Bändigers. Ein anderer legt nun dort aus, wo eben noch der erste seinen erfolglosen Versuch startete. Alle anderen rücken nun ein bisschen vor. Ganz leise, fast unmerklich. Einen Fuss nur vor den anderen gestellt, nur die Schultern ein wenig nach vorn - nun haben alle 60 cm2. Der fehlbare Starter ist nun wieder mit Sack und Pack zur Meute hochgestiegen. Schnaubend und prustend steht er vor der Herde, die ihm schnöde die erneute Aufnahme verweigert. Dies geschieht alles wortlos, ja still. Die Blicke durch ihn durch in die Ferne sagen genug. Der in buntes Tuch gehüllte muss erkennen, er hat verloren. Keiner der umstehenden gewährt ihm Zugang zu seinem vorher errungenen Platz. Geknickt und abgekämpft vom Fehlstart und dem mühsamen Aufstieg macht er sich davon, um sich erneut um einen Startplatz zu bemühen, weiter unten, bei den anderen Verlierern. Der zweite hat nun ausgelegt, während sich keine 50 m über dem Boden ein weiteres Drama abspielt. Dieser höllische Wind in Verbindung mit Unfähigkeit hat ein weiteres Opfer gefordert. Wild und unkontrolliert klammern sich die vielen Schnüre, Knöpfe, Riemen und Säcke, Karabiner und Ösen um das breite Tuch und umschnüren es wie einen Kalbsrollbraten. Ich dachte mir noch, dass das so nicht ganz richtig ist. Das gleiche dachte sich wohl auch der zappelnde Mann, der daran hing. Er warf sicher deshalb einen kleineren Schirm ab, mit dem er dann schnurgerade und gefährlich schnell vom Himmel fiel. Ausser einem kurzen Aufschrei und dumpfen Knacken vor der ziemlich hässlichen 30 m langen Rutschpartie auf dem steilen Hang scheint nichts passiert zu sein. Das beruhigende Raunen in der Menge bestätigte mir dies. Diese Männer wissen ja! Logisch, dass sich auch dieser erneut ein Plätzchen sucht - weiter unten - ich hab’s schon mal erwähnt. Ich verstehe bereits die „Hackordnung“ auf dem Terrain! In mir melden sich Zweifel über die Schönheit des Gleitschirmfliegens an. Dafür ist jetzt keine Zeit, ich lerne Neues mit jedem Start. So beginne ich zu erkennen, dass sich die Schirme nicht nur in ihren Farben, sondern auch in ihrem Verhalten unterscheiden. Ja, sie haben ein Eigenleben! Anders kann ich’s mir sonst nicht erklären was hier vorgeht. Während sich die einen Tücher willig gegen den Himmel türmen, mit einem leichten vorwärtsdrall den Piloten einladen, in die Lüfte zu steigt, wollen andere ganz und gar nicht. Ein kleiner Hupfer, ein kurzes Aufblähen, um sich dann um den Piloten herum den Hang hinunter zu stehen und den verdutzten Piloten oben stehen zu lassen, wobei die gutmütigen Schirme wenigstens den Herrn nicht mitreissen.

Was passiert hier? Ein metaphysisches Gefühl verdrängt meine Zweifel. Es knistert förmlich in der Luft. Neben der vermeintlichen Euphorie spüre ich Hektik, ja Panik, während immer mehr Piloten von der Gondelbahn ausgespuckt werden. Immer enger werden die Räume, immer grösser die Bedrängnis auf die eroberten cm2, immer grösser der Druck auf die bereits Anwesenden, sich endlich vom Acker zu machen und die Wiese freizugeben. Ich rieche Angstschweiss nachdem der hundertste den Hang hinunter purzelte und der x-te seinen Rodeo-Schirm nicht unter Kontrolle brachte. Leo, wie immer gut gelaunt und unbeeindruckt, es passt so gar nicht in die Szenerie, meint nur gelassen: „Schätzali, zieh deinen Kombi an, wir gehen.“ Mir wird auf einmal schlecht. Mir ist angst und bang. „Du musst nicht auf die anderen schauen“ - wie tröstlich. Ich kann mich in diesem Gurtzeug doch kaum bewegen. Ein sicheres Stehen auf diesem steilen, rutschigen Grashang unmöglich. „Freu dich, Schätzali, gleich geht’s los!“ - Ich habe mit dem Leben abgeschlossen! Ich starre nach unten, weiss nicht, was hinter mir passiert. Leo fummelt irgendwas und holt mich mit einer raschen Bewegung von den Beinen. Ich kann nicht mehr aufstehen, zapple wie ein Käfer auf dem Rücken, kafkaesk. „Du musst dich jetzt noch nicht hinsetzen, Schätzali“, wenn Leo wüsste! Dani hebt mich mit einem kräftigen Ruck auf die Beine, um mein Leiden zu verkürzen und ermahnt mich, einfach stehen zu bleiben. Einfach! Das Wort hallt noch nach, was bitte ist hier einfach? Was ich die letzten Stunden gesehen habe, all die Eindrücke nehmen mich gefühlsmässig in Beschlag. Es rauscht hinter mir, etwas zieht mich nach vorne, ich mache einen Schritt, den Boden schon nicht mehr berührend, wir heben ab, ich schwebe den unbeschreiblich schönen Dolomiten entgegen. „Setz dich gemütlich hin, Schätzali.“ Freude kommt auf und verdrängt all die Ängste, ich freue mich! Sicherheit, Freiheit und frische Luft umgibt mich wieder. Meine Frage, wieso es die anderen nicht auch so machen wie Leo, bleibt unbeantwortet. Ich gehöre nicht zum Kreis der Wissenden, es interessiert auch nicht mehr. Mein Pilot kann starten und fliegen - es ist herrlich! 

 


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