Zwei Tage Hike&Fly im Engelbergertal

Der Plan für unser zweitägiges Hike&Fly-Programm sieht die Überquerung vom Engelbergertal ins Urnertal vor. Am ersten Tag wollen wir im Engelbergertal zu einem höher gelegenen Startplatz aufsteigen und an die Basis fliegen, um möglichst nahe zum Brisenhuis (1'753 m) zu kommen. Am Sonntag ist der Aufstieg via Glattegrat (2'191 m), Risetenstock (2'290 m), Hinter Jochli (2'105 m) auf den Schwalmis (2'246 m) geplant. Von dort soll uns ein Gleitflug bis nach Flüelen (435 m) tragen.

In den Tagen vor unserem geplanten zweitägigen Hike & Fly durften wir noch einmal richtig die Sommerhitze spüren, in leiser Vorahnung auf den bevorstehenden Herbst. Die Wetterprognosen für das Wochenende lassen hingegen unsere Erwartungen schrumpfen. Optimistisch wie wir sind, bestätigen wir Leo, dem Hüttenwart des Brisenhuis, dass wir am Abend wie abgemacht zum Znacht aufkreuzen werden. Bei unserer Ankunft am Bahnhof Dallenwil bietet sich uns aber ein überraschend gutes Bild am Himmel, nur die Wolkenbasis dürfte noch etwas höher liegen. Mit der Wirzwelibahn überwinden wir die ersten Höhenmeter. Die zweite Sektion, ein 5er-Bähnli zum Bergrestaurant Gummenalp, liegt ein paar Schritte weiter hinter den Ferienhäusern dieses kleinen Weilers.

Von der Gummenalp marschieren wir mehr oder weniger geradeaus zur Egg (1'664 m) und von da aus leicht ansteigend zur Schellenfluehütte. Nun folgt der steile Anstieg über die Alpweide hoch zum Grafimattgrat. Hier stehen wir auf der Kantonsgrenze von Nidwalden und Obwalden und überblicken beide Talschaften. Über dem Gummen und dem Hörnli bilden sich wunderbare Thermikwolken und am Grat zieht der Aufwind auch prächtig hoch. Doch Moment, da hat es auch eine anständige Komponente Südostwind drin. Über uns zieht es die Wölklein flugs hinter die Krete. Wo wir schon hier stehen, lassen wir uns die Mittagsrast auf dem Gräfimattnollen (2'035 m) nicht entgehen und nehmen diese letzten Höhenmeter noch unter die Füsse. Von hier aus könnte man gut Richtung SW-NW starten, die Kuppe ist oben flach und allmählich steiler werdend. Aber Richtung SO-NO fällt sie steil ab und der Klippenstart ist nicht zu empfehlen. Wir wollen nicht warten, bis wir Besuch von den Büelen-Piloten erhalten und gehen rasch zum Sattel über der Schellenflue-Hütte zurück.

Im Sattel können mehrere Schirme nebeneinander auf dem Weg ausgelegt werden. Dank dem schönen Aufwind bleibt uns das Stolpern durch Kuhstapfen erspart und wir gleiten entlang der Schellenflue hinüber zur Egg, wo wir über dem Miserengrat in feiner Thermik bis zur Basis aufdrehen können. Weiter vorne über dem Vorder Gummen können wir sogar noch neben der Wolke weitersteigen und die letzten möglichen Meter aus der tiefen Basis um 1'900 Meter herausholen. Das Brisenhuis liegt von hier aus gesehen weit hinten im Kessel unter der Wolkenbasis des Brisen auf der anderen Talseite. Wohin fliegen, um über der Brändlen wieder zur Basis aufdrehen zu können? Ich entscheide mich für den Südwestgrat zwischen Brändlen und Giri, dort sehe ich einen Schirm aufdrehen. Doch mein Plan geht nicht auf. Bis ich auf seiner Position ankomme, bin ich schon zu tief und der Talwind wäscht mich über dem Haldiwald runter. Vor der Brändlen stehe ich im Wind und werde unsanft hin- und hergerissen.

Florian ist hinter mir hergeflogen und hat’s an der linken Flanke über dem Steinalperwald versucht. Er schafft es als Einziger von uns, oben in Niederrickenbach zu landen und kann somit den Tagespreis für sich beanspruchen. Adrian, Iris, Marco und ich landen im Tal und fahren mit der Seilbahn nach Niederrickenbach und von dort weiter auf die Musenalp. Die Wolken haben sich inzwischen grossflächig über uns ausgebreitet und die Abendsonne scheint unter dem Wolkendeckel durch bis zum Brisenhuis. Ein kurzer Abstieg führt uns zur Bärenfallen (1'580 m) und von dort wieder hangaufwärts zum Brisenhuis (1'753 m). Nach dem Einchecken bei Hüttenwart Leo geniessen wir den ausklingenden Tag bei Bier, Suppe und Kartoffelstock mit Fleisch und Bohnen auf der Terrasse. Wir sind mit dem heutigen Tag zufrieden, auch wenn es mit dem Flug zur Hütte nicht geklappt hat.

Am Sonntagmorgen liegt eine kompakte Wolkendecke knapp über dem Brisenhuis, aber die Sicht reicht gut bis zum Brienzer Rothorn. Was wird uns der Tag noch schenken? Wir geniessen erstmal Kaffee und Frühstück und fragen das Regenradar-Orakel nach Rat. Der Aufstieg zum Glattegrat scheint angesichts der tiefen Wolken wenig sinnvoll, aber ein Abgleiter von der Musenalp (1'776 m) oder vom Buochserhorn (1'807 m) könnte vor dem Regen noch drin liegen. Bis wir unterwegs sind, ist die Basis bereits 100 Meter tiefer und die Musenalp liegt in den Wolken. Im Gegenaufstieg zur Musenalp beginnt es leicht zu regnen, hört aber bald wieder auf. Vor der Sennerei wägen wir die Chancen auf einen Flug gegen die Lust auf eine heisse Schoggi ab und entscheiden uns dann für das Weitergehen Richtung Bleikigrat (1'592 m). Wir hoffen, dort unterhalb der Wolkendecke starten zu können. Leider hat sich das Regenradar-Orakel geirrt und wir werden vom Regen eingeholt. Der steile Weg runter zum Bleikigrat wird zur Rutschpartie und der Himmel hüllt uns in Wolkenfetzen.
Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende erzählt! Zwar haben sich unsere Sonntagspläne zum Schluss im Regen aufgelöst, aber der schöne Abschluss liegt noch vor uns. Nach weiteren 400 Meter Abstieg kehren wir im Restaurant Pilgerhaus in Niederrickenbach ein und lassen uns von der guten Speisekarte verwöhnen. Die sympathische Wirtin freut sich, dass es anscheinend wieder Gleitschirmpiloten gibt, die zu Fuss zum Startplatz hochsteigen. Ihr Mann sei vor vielen Jahren auch Gleitschirm geflogen, der hätte aber weniger Ausrüstung mit sich herumgetragen. Daran arbeiten wir noch. Marco ist jedoch mit seinem OZONE Ultralite und dem knappen Sitzgurtzeug schon nahe dran.

Nach dem Essen kehren wir zufrieden ins Tal zurück. Wir haben zwei erlebnisreiche Tage und einen schönen Flug erlebt. Hätten wir uns auf die anfänglich schlechten Prognosen verlassen, wären wir gar nicht ins Engelbergertal gefahren. Unterm Strich war der Thermikflug am Samstag besser als erwartet und die Reise sowie der Aufstieg haben sich gelohnt. Nicht nur wegen dem Flug, sondern auch weil man bei einer Wanderung mehr gemeinsame Zeit mit seinen Clubkollegen verbringen kann als beim Streckenfliegen. Und das Sonntagsprogramm holen wir bei Gelegenheit mal nach, vorbereitet ist es ja schon!

Text: Andreas Fluck
Fotos: Andreas Fluck, Adrian Lutz, Florian Wille
 


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